So sieht's aus

Da die Besucherzahl für Gottesdienste in der Kirche nach wie vor begrenzt ist, wird es weiterhin an jedem Sonntag den Hausgottesdienst per E-Mail, auf der Homepage (siehe Rubrik "Hausgottesdienst") und zum Mitnehmen an der Kirchentür geben; ab August zusätzlich Gottesdienste mit vorheriger Anmeldung in der Kirche - SIEHE HINWEISE HIER.

Seit Freitag (03.09.21) ist unser Geläut wieder komplett und klangvoll mit allen drei Glocken!!!


Alle vorherigen Gottesdienste sind auch im Gottesdienstarchiv zu finden - einfach HIER klicken!
 
„Hausgottesdienst“ Ev.-ref. Gemeinde Neermoor - 19. September 2021
 
Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat, der Wort und Treue hält ewiglich
und der nicht loslässt das Werk seiner Hände. Amen.
 
Lied 440
All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu;
sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.
 
O Gott, du schöner Morgenstern, gib uns, was wir von dir begehrn:
Zünd deine Lichter in uns an, lass uns an Gnad kein Mangel han.
 
Treib aus, o Licht, all Finsternis, behüt uns, Herr, vor Ärgernis,
vor Blindheit und vor aller Schand und reich uns Tag und Nacht dein Hand,
 
zu wandeln als am lichten Tag, damit, was immer sich zutrag,
wir stehn im Glauben bis ans End und bleiben von dir ungetrennt.
(Johannes Zwick (um 1541) 1545, EG 440,1-4)
 
Gebet:
Lieber Vater im Himmel, auch an diesem Morgen ist deine Treue wieder neu. Schenke uns die Gewissheit, dass sie niemals endet.
Wir verstehen diese Welt manchmal nicht. Und manchmal auch dich nicht. Aber wir kommen zu dir, im tiefen Vertrauen darauf, dass du uns nicht alleine lässt, sondern mit uns und an unserer Seite durch die Dunkelheit hindurch gehst. Dafür sind wir dir von Herzen dankbar. In unserer Dunkelheit brauchen wir dein Licht. Schenke uns nun mit deinem Wort Licht und Kraft. Segne die Gottesdienste in den Häusern und in der Kirche. Amen.
 
Liebe Gemeinde in den Häusern,
liebe Besucher auf unserer Homepage!
 
„Wie geht es Ihnen?“ „Ach, ich kann nicht klagen.“ So beginnen oftmals Gespräche. „Ich darf nicht klagen!“, sagen sogar einige. Als ob es ein 11. Gebot gäbe „Du sollst nicht klagen!“ Der Prophet Jeremia hätte auf die Frage, wie es ihm gehe, bestimmt nicht diese Antwort gegeben. Er konnte klagen, und er hatte Grund dazu. Wahrscheinlich wusste er genauso gut wie Sie und ich, dass man durch Klagen nichts ändert, aber hier und da tut es gut, seiner Seele Luft zu verschaffen.
 
Klagelieder. Ein ganzes Buch in der Bibel hat diese Überschrift. Sie sind keine Jammer-Lieder von Menschen, die ständig wegen allem und jedem jammern und anderen damit den letzten Nerv rauben und jede Freude vermiesen können. Nein, es sind Klagelieder in tiefer Not. Als Gebet angestimmt. Da schüttet jemand sein Herz aus. Er klagt herzzerreißend, klagt mitten in Gottes Herz hinein und rennt gegen Gott an. Jammern ist aus der Unzufriedenheit geboren, Klagen aus echter Anfechtung und Verzweiflung.

Aus diesen Klageliedern der Bibel stammt unser Predigttext. Es sind Lieder aus einer dunklen, sehr kräftezehrenden Zeit. Jerusalem ist erobert worden, der Tempel, das alte Heiligtum, zerstört, viele Menschen sind ins Ausland verschleppt. Zurück bleiben Menschen, die unendlich traurig sind. Sie leben in zerstörten Städten und Dörfern, fühlen sich ohnmächtig, wissen nicht weiter. Sie sind äußerlich und innerlich heimatlos. Diese Erfahrung, diesen Schmerz schlucken sie nicht runter. Und sie reden nichts schön. Sondern sie suchen Worte, sie suchen ein Ventil, sie fragen nach Gott.
 
Mitten in diesen Klageliedern findet sich dieser Abschnitt, den wir heute bedenken:
 
22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind,
seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt,
und dem Menschen, der nach ihm fragt.
26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
31 Denn der Herr verstößt nicht ewig;
32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.
Klagelieder 3,22-26.31-32
 
Liebe Gemeinde,
mitten in einem Meer aus Klage und Weinen diese Worte: Güte – Barmherzigkeit – Morgen – Hoffnung. Es sind Lichtstrahlen, die in eine dunkle Welt fallen. Sie stehen im Zentrum der Klagelieder Jeremias. „Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende!“ Nur: Dieses Aufatmen steht erst am  E n d e  einer langen, schmerzerfüllten Klage, in der ein Mensch Gott anklagt und ihm alles vor die Füße kippt. Alles Elend, den Schmerz, den Zorn, die Ohnmacht, einfach alles.
 
Das klingt dann so – hier einige Verse aus dem Anfang des Kapitels (Klagelieder 3):

„Gott hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht…
Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben…
Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet…
Er hat meinen Weg vermauert mit Quadern und meinen Pfad zum Irrweg gemacht…
Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den HERRN sind dahin…
Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!“
 
Worte eines Menschen, der im Innersten getroffen ist, angeschlagen, erschüttert. Auch in seinem Glauben erschüttert. „Gott, wie kannst du bloß?“ Vielleicht hat ihm der Schmerz lange die Kehle zugeschnürt. Aber jetzt hat er Worte gefunden. Worte, mit denen er weint. Worte, die ihm helfen, dass die letzte Lebensglut in ihm nicht auch noch verlischt. Worte, die auf besondere Weise nicht nur voller Klage sind, sondern auch voller Gott…

Denn wer so klagt, wer so gegen Gott anrennt, der sagt damit zugleich: „Du bist doch mein Gott. Ich habe es hier doch nicht mit einem blinden Schicksal zu tun, sondern mit dir! Wenn ich es in guten Zeiten mit dir zu tun hatte, dann doch auch jetzt, wo’s mir bis zum Hals steht! Tu doch nicht so, als würde dich mein Leben nichts angehen! Schau endlich her!“ Sätze mit ganz vielen Ausrufezeichen. Wenn man Gott schütteln könnte – dieser Mensch hier würde es tun…
 
Mitten in all dem aber erlebt er eine eigentümliche Wende. Eine Wende, die ihn selbst womöglich am meisten überrascht. Als er Gott bedrängt: „Schau endlich her! Erinnere dich endlich an mich!“, da erinnert er sich selbst an etwas, was ihm vorher wie zugeschüttet war durch seine Not. Nämlich: „Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“  
 
Wo hat er diese Erinnerung, diesen Lichtblick her? Sein Gefühlsleben hat ihm so etwas sicher nicht nahegelegt. Gefühlsmäßig hängt er im finsteren Tal fest. Und was er gerade durchmacht, predigt ihm ja auch nicht die Güte und Barmherzigkeit und Treue Gottes. Wo also hat er das her?

Es ist, als gebe sich der Beter einen Ruck. So als würde er sagen: Stopp mal! Warum starre ich immer und immer wieder nur auf das Belastende? Mache ich es dadurch nicht nur noch schlimmer? Und ist die Klage wirklich alles, was es zu sagen gibt? Ohne dass sich die Situation verändert hätte, wendet er seine Gedanken auf einmal in eine andere Richtung.
 
Und dann klingen solche Sätze durch die Dunkelheit: „... der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen." Der Blick auf Gott steht jetzt im Zentrum. Das Entscheidende ist das Ja Gottes zu seinen Kindern. Darum gibt es Hoffnung. Weil es diesen Gott gibt! Nach menschlichem Ermessen ist die Zukunft finster. Aber es leuchtet ein Licht, ein unzerstörbares Licht.
 
Der Beter in den Trümmern, liebe Gemeinde, ist ein starkes Bild der Hoffnung. Auch heute. Wir Mitteleuropäer gehören ohne Frage zu den Menschen, denen es gut geht. Und doch bedeutet unser materieller Wohlstand noch lange kein unbeschwertes Glück. Scheitern und Enttäuschung, Versagen und Verzweiflung brechen auch in unser Leben ein: Menschen, die wir lieben, sterben; Beziehungen, die uns einmal Kraft gegeben haben, werden zur Last; Erwartungen und Hoffnungen für unsere Zukunft zerbrechen. Krieg, Terror, Bombenattentate, Unfälle, Überschwemmungen, Erdbeben, Sturm- und Flutkatastrophen, tausende Hungertote täglich und die noch nicht absehbaren Folgen der Corona-Pandemie machen uns Sorgen. Die Welt ist voller Einsamkeit, Unzufriedenheit, Selbstvorwürfe, Schuld und Flucht. Wie viele von uns gehen abends mit Sorgen zu Bett, liegen nachts grübelnd und stehen am Morgen mit Sorgen wieder auf? Es gibt auch bei uns genug Anlässe zum Anstimmen von Klageliedern.
 
Und auch wenn wir lange nichts von Gott sehen: Er ist nicht weit weg, sondern in unserer Nähe. Auch wenn es uns dreckig geht: „Seine Barmherzigkeit ... ist alle Morgen neu.“ Jeden Morgen. Wenn die Sonne wieder aufgeht, wenn die Vögel erwachen, wenn wir die Augen auftun und leben, vielleicht sogar gesund sind, wenn es noch einen Menschen gibt, der uns gut tut, wenn ein freundliches Wort oder ein guter Blick uns begegnen. Dann sind das Hinweise auf Gottes Nähe. Wir haben ja nicht nur Essen, sondern auch noch Essen, das schmeckt, ein Dach über dem Kopf und eine Heizung und Kleidung für den Winter... Es müsste uns nicht verschlossen sein, dass Gottes Barmherzigkeit jeden Morgen neu ist. Dass Gott das Leben will. Und dass er jeden Tag, sei er auch noch so düster, mit dem Leben segnet.
 
Der Gott, an den wir Christen glauben, will das Leben. Nicht einmal vor der Absolutheit des Todes bleibt er stehen. Selbst diese letzte Grenze überwindet Gott. In Jesus Christus durchbricht er die Endgültigkeit des Todes. Und wenn Gott im Tod noch am Leben festhält, so doch erst recht jetzt, wo wir doch offensichtlich noch leben.
 
Jeremia hat in seinen Klageliedern an dieser Stelle über die Lasten und Schrecken hinausgeblickt. Glücklich, wer mit den Augen des Glaubens sieht, dass Gott uns in keiner Lebensphase allein lässt. "Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß."
 
Die Bibel ist voll von gesammelten Erfahrungen, die Menschen im Laufe von mehr als tausend Jahren mit Gottes Treue gemacht haben. Derselbe Gott, der gestern und vorgestern am Werk war, der Noah in die Arche schickte, der Israel aus Ägypten führte und der in dem Mann aus Nazareth zu uns Menschen kam – derselbe Gott, der Frauen und Männern nicht nur in Nazideutschland Mut und Kraft zum Widerstand gegen unmenschliche Diktaturen gab und gibt – derselbe Gott tritt auch heute für uns ein.

Sicher, es braucht oft sehr viel Geduld, bevor uns klar wird: Gott hat uns nicht verlassen. Und oft sehen wir es erst im Rückblick. Es lohnt sich, diese Treue im Blick zu behalten und den Blick immer wieder auf sie zu lenken. Und es hilft, wenn wir uns dabei in der Gemeinschaft anderer Christen tragen lassen.

Es gibt Menschen, die mit uns glauben und hoffen; wir sind uns gegenseitig Hilfe auf dem Weg mit Gott. In unseren Gottesdiensten und Zusammenkünften haben wir ohne großes Aufsehen einen Ort, an dem mitten im Dunkel das Licht Gottes leuchtet. Unser Glaube ist das Auge, das dieses Licht sehen kann. So bleibt die Hoffnung am Leben. Die Hoffnung auf unsern Herrn, der uns nicht verlassen hat und nicht verlassen wird, weil er uns treu ist.

Er ist gütig, dieser Gott: Den glimmenden Docht löscht er nicht aus und das geknickte Rohr zerbricht er nicht. Es ist nicht aus mit dir. Auch für dich bricht ein neuer Morgen an.
Er ist barmherzig: auch dem zugewandt, der über seine eigene Erbärmlichkeit furchtbar erschrocken ist.
Er ist treu: trägt dich auch dann noch durch, wenn du zu müde bist zum Glauben, zu kraftlos zum Beten. Er steht am Beginn eines jeden neuen Tages - bereit und entschlossen, mit dir in diesen neuen Tag zu starten.
 
Liebe Gemeinde, unsere Klagen, unsere Traurigkeit, unsere Mutlosigkeit haben nicht das letzte Wort, sondern Gottes großes und weites Erbarmen!
 
„Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem HERRN. AMEN.
 
Lied 449
Die güldne Sonne voll Freud und Wonne
bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen
ein herzerquickendes, liebliches Licht.
Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder;
aber nun steh ich, bin munter und fröhlich,
schaue den Himmel mit meinem Gesicht.
 
Abend und Morgen sind seine Sorgen;
segnen und mehren, Unglück verwehren
sind seine Werke und Taten allein.
Wenn wir uns legen, so ist er zugegen;
wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen
über uns seiner Barmherzigkeit Schein.
 
Alles vergehet, Gott aber stehet
ohn alles Wanken; seine Gedanken,
sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden,
heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen,
halten uns zeitlich und ewig gesund.
 
Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende;
nach Meeresbrausen und Windessausen
leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht.
Freude die Fülle und selige Stille
wird mich erwarten im himmlischen Garten;
dahin sind meine Gedanken gericht'.
(Paul Gerhardt 1666, EG 449,1.2.4.8.12)
 
Wir beten:
Lieber Vater im Himmel, wir brauchen einen Ort, an den wir mit unseren Klagen gehen können. Wir wissen keinen anderen Ort als dich. Der du uns mit einem liebevollen Blick, mit hellem Strahlen und mit offenen Armen entgegenkommst.
Wir beten für alle, denen nach einem Klagelied zumute ist. Für alle, die bekümmert sind, die sich Sorgen machen.
Wir bitten Dich für die Menschen in unserer Nähe: In unserer Nachbarschaft, in unserem Freundeskreis, in unserem Ort. Für die, die sich sehnen nach einem Licht, das hell
genug ist, den Weg zu beleuchten für die nächsten, mühsamen Schritte.
Wir bitten Dich für die Menschen in der weiten Welt. Für alle, denen eine Katastrophe die Existenz genommen und den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Für die, die verstummt sind und es nicht mehr wagen, ihre Klage vor dich zu bringen. Herr, erbarme dich! Amen.
 
Lied: Psalm 68
 
Anbetung, Ehre, Dank und Ruhm sei unserm Gott im Heiligtum,
der Tag für Tag uns segnet,
dem Gott, der Lasten auf uns legt, doch uns mit unsern Lasten trägt
und uns mit Huld begegnet.
Sollt ihm, dem HERRN der Herrlichkeit, dem Gott vollkommner Seligkeit,
nicht Ruhm und Ehr gebühren?
Er kann, er will, er wird in Not vom Tode selbst und durch den Tod
uns zu dem Leben führen.
(nach Matthias Jorissen 1793, EG Psalm 68,6)
 
Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Amen.
 
Herzliche Grüße in die Häuser rundum,
Pastorin Edith Lammering
 
 

Audio-Gottesdienst der Ev.-ref. Kirchengemeinde Neermoor zu Ostern 2021